Der Europäische Tag der Restaurierung 2025: Was tun Restaurator*innen an der SUB Göttingen?
Am 19. Oktober 2025 findet zum achten Mal der Europäische Tag der Restaurierung statt. Dieser Tag soll auf das komplexe, vielfältige Tätigkeitsfeld dieser angewandten Wissenschaft aufmerksam machen und Wissen über den Beruf von Restaurator*innen vermitteln. Die SUB Göttingen beteiligt sich in diesem Jahr digital am Aktionstag und gibt Einblicke in die Arbeiten in der Restaurierungswerkstatt der Bibliothek.
Die Vielfalt der Arbeiten in der Restaurierung
So vielfältig wie das materielle kulturelle Erbe sind auch die Tätigkeiten von Restaurator*innen. Sie arbeiten in unterschiedlichen Spezialisierungen, um alle Arten von Schätzen – Wertvolles, Unikales und Alltagsgegenstände – für die Nachwelt zu bewahren. Die Sammlungen der SUB Göttingen umfassen nahezu alle Disziplinen, Sprachen und Epochen – von der mittelalterlichen Handschrift bis zum E-Book. Der Erhalt, die Pflege und Weiterentwicklung dieser Sammlungen zählen zu den zentralen Aufgaben der Bibliothek.
Unsere Restaurierungswerkstatt
Sechs Restaurator*innen arbeiten in der hauseigenen Werkstatt und betreuen alle unikalen Materialien sowie unsere Drucke vor 1900. Neben präventiven Maßnahmen wie Schutzverpackungen und der kontinuierlichen Überwachung des Raumklimas, um die Entstehung von Schäden zu verhindern, oder der Vorbereitung von Schriftgut für Ausstellungen, liegt ein wesentlicher Aufgabenschwerpunkt in der Restaurierung auf ganz unterschiedlichen Schadensbildern.
Der Zahn der Zeit: Aufgestoßene Ecken und Kanten
Die meisten Bücher in den historischen Sammlungen der Bibliothek sind mehr als 100 Jahre alt. In dieser Zeit sind sie durch die Hände vieler Leser*innen und Bibliotheksmitarbeiter*innen gegangen und zeigen daher oft deutliche Abnutzungsspuren. Häufig sind die Ecken des Buchdeckels abgestoßen, manchmal sogar ganz abgebrochen. In diesem Beispiel wurde bei einem Holzdeckel, dem eine Ecke fehlte, eine neue Ecke geformt. Hierfür wurde eine selbst hergestellte Kittmasse benutzt, die vor allem aus Cellulosefasern besteht. Die neue Ecke wurde dann erst mit einem Ergänzungsleder bezogen; anschließend wurden alle noch vorhandenen Teile des Originalleders wieder zurückgeklebt. So kann möglichst viel von der ursprünglichen Substanz erhalten werden und der Buchdeckel schützt den Buchblock wieder vor mechanischer Beanspruchung.





Kapitalflucht: ein loses Detail am Buch
Viele handgebundene Bücher erkennt man an der oberen und unteren Ende des Buchrückens an einem besonderen Detail: dem sogenannten Kapital. Diese, oft mit mehreren farbigen Fäden umwickelten Kerne sorgen nicht nur für einen dekorativen Abschluss, sondern stabilisieren auch den Einband. Mit der Zeit und bei häufiger Benutzung kann sich das Kapital jedoch lockern oder ganz ablösen – so wie bei einem unserer historischen Bücher, bei dem mehrere Fäden des Kapitals gerissen waren. In der Restaurierungswerkstatt wurde es mit einer gebogenen Nadel und dünnem Leinengarn wieder am Buch befestigt. Um das Kapital zusätzlich zu schützen, wurde der fehlende Teil des Buchrückens mit einem mehrschichtigen Aufbau aus sogenanntem Japanpapier ergänzt – einem sehr langfaserigen Papier, das in der Schriftgutrestaurierung häufig verwendet wird.







Rückenprobleme: Aufgeplatzte oder fehlende Buchrücken
Im Lauf der Zeit werden die Materialien, aus denen die Bucheinbände bestehen, spröde. Besonders bei häufig benutzten Büchern kann die mechanische Belastung beim Öffnen und Blättern des Buches dazu führen, dass der Buchrücken bricht, aufplatzt oder sogar ganz verloren geht. Das ist problematisch, denn der Einband ist nicht nur der äußere Schmuck des Buches, er schützt auch den Inhalt. Der Buchrücken sichert die Heftung, die die einzelnen Lagen zusammenhält, aus denen der Buchblock besteht. Fehlt der Buchrücken, wie bei diesem Beispiel, liegt die Heftung ungeschützt und wird schnell beschädigt. Deshalb wurde ein neues Leder an den Rändern ausgedünnt und mit Kleister auf den Buchblockrücken aufgebracht. Die sogenannten Bünde der Heftung wurden mit einer Kordel abgebunden, damit sich das Leder gut an die Form des Buchrückens anpasst. Anschließend wurden die Ränder unter das Originalleder auf den Deckeln gearbeitet und die Kanten eingeschlagen. So erhält das Buch nicht nur seinen Schutz zurück, sondern bleibt auch weiterhin benutzbar.




Wasserschaden: Wenn Schimmel Bücher schädigt
Die Sporen von Schimmelpilzen sind überall in der Luft vorhanden. Sie brauchen lediglich ein wenig organisches Material als Nährboden und eine über einen längeren Zeitraum erhöhte Luftfeuchtigkeit – meist mehr als 60% relative Feuchte –, um auszukeimen. Wenn Bücher längere Zeit feucht bleiben, kann ein fortschreitender Schimmelbefall das Papier so stark angreifen, dass es im schlimmsten Fall zu Substanz- und Informationsverlusten kommt. Bei diesem Beispiel war das bei mehreren Blättern mit gedrucktem und handschriftlichem Text der Fall. Das Papier war durch den Schimmelbefall stark angegriffen, teilweise brüchig und löchrig. In der Restaurierungswerkstatt wurden deshalb die betroffenen Buchseiten stabilisiert, fehlende Stellen mit Japanpapier ergänzt und alle losen Teile fixiert. So können die Seiten wieder gefahrlos umgeblättert werden, ohne dass weitere Schäden entstehen.





Weitere Informationen
Mehr Details zur Veranstaltung sowie das deutschlandweite Programm zum Europäischen Tag der Restaurierung und das digitale Angebot finden Sie auf der Homepage für den Aktionstag. Auch europaweit zeigen Kolleg*innen, mit wie viel Engagement und Expertise sich Restaurator*innen in den breit gefächerten Kulturerbesektor einbringen.
Informationen zum Berufsbild gibt es beim Berufsverband der Restauratoren (und Restaurator*innen natürlich!). Hier können Sie auch mehr über das Studium „Konservierung und Restaurierung“ sowie dessen Voraussetzungen erfahren.
Einblicke in unsere Restaurierungswerkstatt geben wir auch immer wieder auf unserem Insta-Kanal. In unseren Highlights zum Tag der Restaurierung können Sie auch noch einmal einen genauen Blick auf diese Schadensbilder und ihre Restaurierung werfen.
OpenEdition schlägt Ihnen vor, diesen Beitrag wie folgt zu zitieren:
Cornelia Ripplinger (19. Oktober 2025). Der Europäische Tag der Restaurierung 2025: Was tun Restaurator*innen an der SUB Göttingen? Selten und Bemerkenswert . Abgerufen am 9. Oktober 2026 von https://doi.org/10.58079/14zc5